Ungarn

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Wir sind ehrlich, es ist ein kurzer Halt. Von Österreich kommend, machen wir unseren ersten Stop auf einem Stellplatz kurz hinter der Grenze. Irgendwie können wir uns nicht so schnell einleben und fühlen uns unwohl. Schon der Grenzübergang verlief holprig. Wir sind mal wieder auf`s Geratewohl losgefahren und haben erst kurz vor der Grenze begriffen, dass wir eine Vignette brauchen und dazu war uns nicht bewusst, dass in Ungarn nicht mit Euro gezahlt wird. Manche würden es eine schlechte Vorbereitung nennen, wir haben uns aber an diesen spontanen Lebensstil gewöhnt.

Unser Nachtplatz befindet sich in einer ländlichen Region und es sieht… naja, wie soll man es richtig formulieren… nach „Osten“ aus. Ich möchte nicht, dass das diskriminierend wirkt, aber so empfanden wir das, es ist eben anders. Die Dame an der Rezeption ist erst einmal freundlich und auch die Wiese sieht gepflegt aus. Es sind nur wenige andere Gäste da. Als dann eine Gruppe von niederländischen Fahrradfahrern ankommt, freue ich mich fast ein wenig. Das bringt etwas Normalität, immerhin trifft man Holländer sonst auf jedem Campingplatz. Es ist wirklich verrückt, aber Niederländer waren bisher in jedem Land die dominierende Campinggemeinschaft.

Wir schlafen aus und denken dann an eine Dusche. Ich bin noch etwas am Zweifeln, ob ich die Dusche wirklich brauche, denn ich empfand den Abend zuvor, die Sanitäranlagen als ziemlich gruselig. Ich reisse mich zusammen und komme am Ort des Schreckens an. Im Gang steht eine Bierbank, die wohl dazu gedacht ist, sich auszuziehen. Ich verzichte und gehe direkt in eine der Kabinen. Der Einlass besteht natürlich nicht aus einer Tür, sondern aus einem ekligen, geblümten, leicht bräunlichen Duschvorhang. Ich werfe meine Klamotten von drinnen auf die Bierbank und ziehe mit zwei Fingern und möglichst wenig Hautkontakt den Vorhang hinter mir zu. Wasser marsch. Scheiße, ist das heiß. Im ernst, das Wasser ist kochend heiß. Leider gibt es, wie in der meisten Campingeinrichtungen nur einen Knopf und keinen Hebel zur Temperaturänderung. Es muss unheimlich witzig aussehen, wie ich versuche das Wasser mit fuchtelen Bewegungen auf meinen Körper zu bekommen ohne dabei zu verbrennen. Ich führe dabei eine Art Regentanz auf, bei dem ich mir selber sehr albern vorkomme. Unwillkürlich muss ich lachen. Mehr belustigt als gewaschen kehre ich zum Auto zurück.

 

Es geht weiter nach Budapest. Das liegt auf dem Weg nach Rumänien, unserem nächsten Ziel, deshalb müssen wir wohl einen Zwischenstop einlegen. Wir suchen einen Campinglatz und werden am Stadtrand fündig. Ein netter Platz, mit sehr freundlichem Personal und super sauberen Sanitäranlagen. Einzige Plage hier sind komische graue Käfer, deren Plan es zu sein scheint, mich zur Weißglut zu treiben. Diese Viecher sind einfach überall und sie klettern überall hinauf oder hinein. Im Zehn Minuten Takt überprüfe ich den Innenraum unseren Wagens, weil ich mit den Mistkäfern das Bett nicht teilen mag. Abgesehen von den kleinen Plagegeistern, verbringen wir eine ruhige Zeit.

Jetzt erwartetet man natürlich einen wunderbaren Bericht über das traumhafte Budapest. Was soll ich sagen? Es gibt keinen. Natürlich hatten wir extremem Druck die Stadt anzusehen. Wie sagt man doch so schön? „Wenn man schon einmal da ist…“ Wir haben uns doch dagegen entschieden die Stadt anzusehen. Ich könnte jetzt sagen, wir wollten Ungarn ohnehin boykottieren, wegen ihrer menschenverachtenden Flüchtlingspolitik. Das war tatsächlich auch der ursprüngliche Plan, aber dann sind wir doch irgendwie über die Grenze gefahren. Wir müssen ganz ehrlich sein, wir hatten ganz einfach keine Lust auf eine weitere Sightseeingtour in einer Großstadt. Alles ist so groß, man kann ohnehin nicht alles an einem Tag erfassen, der Hund hindert uns an Museumsbesuchen, es ist einfach viel zu heiß, um Mittags in der Sonne rumzulaufen, und, und, und. Stattdessen haben wir eine sehr produktive Phase, ich arbeite am Blog und Malte beschäftigt sich mit Websiteprogrammierung. Nach zwei Nächten möchte ich dann aber weiter, ich sehne mich nach Landluft und Ruhe.

 

Wir fahren in die Puszta und kommen im Chy-Kara unter. Hierbei handelt es sich um eine B&B und Campingplatz, wobei das eigentlich nicht beschreibt, was es wirklich ist. Jay und Annemieke würde man bei uns vermutlich als „Aussteiger“ bezeichnen. Er aus England, sie aus den Niederlanden stammend, haben sich hier auf dem Land ihr eigenes kleines Refugium geschaffen. Sie sagen über sich selbst: „We offer the Luxury of Simplicity … a Bohemian Lifestyle.“, und genau das tun sie. Wir stehen im Prinzip in ihrem Garten und werden dazu aufgefordert uns hier frei zu bewegen. Es gibt einen schönen Bereich zum Sitzen, ein ziemlich schickes Plumpsklo und im hintern Teil des Grundstückes eine kalte Dusche. Die Beiden bieten aber auch Übernachtungen in einer traditionellen Hütte oder in einem Ferienhaus an. Alles ist einfach nett gemacht und wir fühlen uns hier zwischen Gemüsegarten und dem Gehege von Kleintje, ein zuckersüßes Rehkitz, das den Beiden zugelaufen ist, einfach wohl. Bei Bedarf kann man hier auch gegen ein kleines Geld essen oder eine warme Dusche bekommen, auch eine Zeile zum kochen ist vorhanden und ein großer Tisch zum essen. Man wird hier auch keinesfalls ausgegrenzt, sondern ein Teil ihres Lebens. Es wird um uns herum gearbeitet, die Pausen werden dazu genutzt mit uns zu quatschen und es ist auch selbstverständlich, dass die Beiden ihr Essen hier gleich neben uns einnehmen. Dieser Ort versprüht rundherum Herzlichkeit.

Am Abend sitzen wir mit Jay und Annemieke zusammen und trinken gemeinsam ein Gläschen. Die Beiden erzählen uns, wie und warum sie in Ungarn gelandet sind. Es ist einfach interessant, solche Menschen kennenzulernen. Sie führen dort ein besonderes und einfaches, aber ebenso glückliches und beneidenswertes Leben. Zum Abschied bekommen wir dann sogar von den eigenen Hühnern einige Eier mit auf unseren Weg – Gastfreundlichkeit in Perfektion. Lieben Dank für alles!

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