Bozen – Sandner Klettersteig

img_0833

Malte hadert noch lange damit, dass wir den Klettersteig in Bozen nicht machen konnten. Was liegt da näher, als noch einmal hinzufahren und unser Glück wiederholt zu versuchen? Ich stehe der Sache immer noch kritisch gegenüber, meine Höhenangst macht mich nämlich ganz schön nervös, aber was tut man nicht alles für seinen Partner… Wir stehen also am Freitag wieder vor Verenas Tür. Am nächsten Morgen soll es losgehen, die Wetterprognose ist super.

Verena nimmt uns heute Abend mit zu ein paar Freunden, die eine kleine Party mit Kickerturnier bei sich Zuhause veranstalten. Wir landen in einem schönen Haus, das von drei jungen Frauen bewohnt wird. Im Garten ist ein kleines Buffet aufgebaut und es gibt Pfirsichbowle. Die Leute sind alle sehr nett und sogar beim Kickern stellen wir uns gar nicht so blöd an. Verena spricht mit ihren Freunden, ob sie sich richtig erinnere, dass der morgen geplante „Sandner Klettersteig“ auch für Anfänger zu machen sei. Offenbar soll er nicht sonderlich schwer sein, allerdings gäbe es anschließend eine lange Wanderung. Mich beruhigt die Aussage etwas. Wir sind länger, als gedacht hier. Gegen 23 Uhr ziehen wir die Notbremse, denn morgen wollen wir früh los.

Am Morgen plagen mich schlimme Bauchschmerzen und Übelkeit, die Aufregung. Wir nehmen ein schnelles Frühstück und dann geht es mit dem Auto wieder zum Laurinen Lift. Ich überstehe den Sessellift  nochmals, versuche nun sogar meine Augen zu öffnen und trotzdem keine Panik zu bekommen. Ein kleiner Stolz offenbart sich. Ich mache augenscheinlich Fortschritte.

Es kann losgehen. Wir laufen den Zustieg zum Klettersteig. Der Weg ist schmal und man muss auch hier bereits einige Male die Hände zur Hilfe nehmen, aber das klappt anstandslos. Als eine Stelle kommt, an der man gut eine Pause machen kann, legen wir unsere Klettersteigausrüstung an. Die Karabiner vom Klettersteigset müssen noch nicht eingehakt werden, aber der Weg wird schon um einiges unwegsamer. Manchmal wundere ich mich darüber, denn bei einiges Passagen sollte man wirklich nicht stürzen, wenn einem sein Leben lieb ist. Ich bin fast etwas verwundert, dass ich keine Angst habe. Es macht eigentlich richtig Spaß. Malte strahlt über das ganze Gesicht und man merkt seine Erleichterung, dass wir es nun doch noch den Klettersteig machen können.

Die ersten Passagen beginnen, bei denen man sich einhängen kann. Verena und Malte bläuen mir schon im Vorfeld ein, die Karabiner nur mit einer Hand zu betätigen, damit sich keine Situation ergibt, in der ich ungesichert bin, so ist nämlich gewährleistet das jederzeit ein Karabiner eingehängt ist. Wir arbeiten und immer höher und die Mischung aus Konzentration und Aktivität lässt die Zeit wie im Flüge vergehen. Nach einiger Zeit treffen wir auf immer mehr andere Leute, wenn jemand zu dicht kommt, lassen wir ihn überholen. Nichts ist nerviger, als wenn einer von hinten drängelt.

Im letzten Teil des Klettersteiges wird mir dann doch mulmig zumute. Es gibt richtige Kletterpassagen, bei denen ich mich sehr darauf konzentrieren muss nicht hinunter zu sehen. Wenn ich mal nicht weiter weiß, hilft mir Verena, welchen Tritt oder Griff ich nehmen kann. Und dann ist es auch nur noch ein kleines Stück bis wir oben ankommen. Geschafft! Wir machen eine Pause und genießen den atemberaubenden Ausblick.

Nun startet die vierstündige Wanderung von der Verena erzählte. Ich bin bereits etwas kaputt, aber ein bisschen laufen werde ich wohl noch können, denke ich mir. Wir laufen über Geröll, vorbei an einigen spektakulären Kletterwänden, in denen bereits, klein wie Ameisen, einige Wagemutige hängen. Dann kommt ein sehr steiler und felsiger Abstieg, der es in sich hat. Nur sehr langsam kommen wir voran. Verena erzählt, sie hatte es gar nicht so anstrengend in Erinnerung gehabt. Wir witzeln, ob sie das für eine „Wanderung“ halte. In der Ferne sehen wir bereits eine Hütte, in der wir eine Pause einlegen möchten. Der Weg zieht sich, aber wir kommen trotzdem irgendwann an. Wir genehmigen uns ein kleines Essen. Für Verena gibt es Apfelstrudel, Malte gönnt sich ein Gulasch und ich entscheide mich für Dreierlei Knödel. Ein wirklich köstliches Essen, aber den Weg dort hin würde ich nicht noch einmal auf mich nehmen. Wir sind inzwischen doch ein wenig geschafft und wissen das noch ein ziemliches Stückchen vor uns liegt. Zur Stärkung gibt es einen kleinen Schnaps, der es in sich hat. Die Uhr sagt, dass wir so langsam aufbrechen müssen, denn der letzte Lift fährt um 18.30 Uhr und das sind nur noch gute zwei Stunden.

Verena erklärt uns, dass wir nun einem der Wege hoch zum Joch folgen müssen. „In meiner Erinnerung war es gar nicht so anstrengend“, hören wir Verena sagen und müssen wieder schmunzeln. Langsam entwickelt sich hier ein „running Gag“. Wir beginnen zu laufen und ich muss mir langsam eingestehen, dass ich wirklich am Ende bin. Meine Kondition ist einfach nicht gut. Trotzdem schleppe ich mich weiter hinauf, eine andere Möglichkeit habe ich schließlich auch nicht. Tatsächlich haben wir dann noch eine wirklich schöne Begegnung, die das letzte Mal ersehnten Tiere tauchen auf. Sogar ein Baby ist dabei. Wir müssen weiter, so langsam merken wir, dass auch die Zeit knapp wird. Im Falle wir verpassen den letzten Lift, müssen wir eine weitere Wanderung von zwei Stunden zum Auto auf uns nehmen. Als mir das klar wird, setzte ich einfach einen Fuß vor den anderen. Umbedingt möchte ich diesen Lift bekommen, denn ich bin wirklich am Ende. Wir kommen am Joch an. Malte und Verena machen Fotos und genießen kurz die Aussicht, während ich nur noch den Lift im Kopf habe. Der letzte Abstieg zur Hütte steht bevor, zum Glück gibt es hier einige Treppen zur Hilfe. Denn abwärts ist nicht zwingend angenehmer als aufwärts. Ganz im Gegenteil, so langsam machen nämlich die Knie schlapp und schmerzen. Aber ganz im Ernst, wir sind seit guten Sieben Stunden unterwegs. Ich denke, da kann das passieren. Inzwischen sind wir alle ziemlich groggy, aber weit ist es zum Glück nicht mehr. Man kann bereits die Hütte sehen. Etwas vor uns ist eine Gruppe von drei Menschen auch auf dem Weg zum Lift, das stimmt uns positiv, die letzte Fahrt noch zu erreichen. Und tatsächlich – wir kommen früh genug an.

Stolz und glücklich fallen wir am Abend ins Bett. Es war eine tolle Erfahrung und ich bin froh, über meinen Schatten gesprungen zu sein. Diese Erfahrung hat mir definitiv gezeigt, dass man viel fähiger ist, als man denkt. Schon zwei Stunden vor unserer Ankunft am Lift hatte ich das Gefühl völlig am Ende zu sein, meine Grenze erreicht zu haben, aber mein Körper ließ mich nicht im Stich.

 

2 Kommentare

  1. Herzlichen Glückwunsch, Lisa! Wie beim Tauchen schon hast du wieder eine super Leistung hingekriegt, die viel mehr wiegt bei Angst und Ungeübtheit als bei den „Profis“. Schon allein deswegen war eure Reisezeit ein echter Gewinn für euch.

    1. Lieben Dank, Almut. Das „über den Schatten springen“, hatte ich mir fest vorgenommen. Überraschender Weise war es gar nicht so schlimm, wie ich dachte.

Hinterlasse einen Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *